Post ohne Porto
Willkommen zur Goodletter Ausgabe 43. Schön, dass du reinschaust. Heute geht's um einen Job, der in eine ungewisse Zukunft blickt. Und um die Frage, was passiert, wenn man Jobs nicht abschafft, sondern neu erfindet.
Gute Neuigkeiten aus aller Welt
In Frankreich werden dreimal weniger Briefe verschickt als noch vor 15 Jahren. Das bedeutet: 73.000 Briefträgerinnen und Briefträger haben auf ihren Touren zunehmend weniger zu tun. Normalerweise endet so eine Geschichte mit Stellenabbau.
La Poste hat sich für eine andere Geschichte entschieden. Seit 2017 bietet die französische Post den Service „Veiller sur mes parents" an – „Nach meinen Eltern schauen". Die Idee: Briefträger klingeln auf ihrer täglichen Route bei alleinlebenden Senioren, reden fünf bis zehn Minuten, fragen, ob alles in Ordnung ist, ob jemand zum Arzt muss oder Hilfe beim Einkauf braucht. Danach geht ein kurzer Bericht per App an die Angehörigen. Die Idee entstand nach einer Hitzewelle. Mehrere Rathäuser hatten damals ihre lokalen Postämter gebeten, nach den Älteren in der Nachbarschaft zu sehen. Éric Baudrillard, damals Leiter der Serviceentwicklung bei La Poste, erinnert sich: Die Briefträger kamen der Bitte nach – und dann fragte sich jemand, warum man das nicht einfach immer machen könnte.
Rund 6.000 Senioren nutzen den Dienst, die meisten zwischen 82 und 98 Jahre alt. Bezahlt wird er oft von den Kindern, die längst in Städte gezogen sind und Hunderte Kilometer entfernt leben. Was banal klingt, löst ein konkretes Problem. Bis 2050 wird mehr als ein Viertel der französischen Bevölkerung über 65 sein. Millionen Menschen über 75 leben schon jetzt allein. Die traditionellen Sicherheitsnetze – Familie, Nachbarschaft, Gemeinde – funktionieren immer weniger, weil die Jüngeren wegziehen und die Älteren bleiben.
Die Briefträger werden für ihre neue Rolle geschult. Sie lernen, die richtigen Fragen zu stellen, Warnsignale zu erkennen, Situationen einzuschätzen. Eine Briefträgerin aus Toulouse, die zweimal pro Woche den 91-jährigen René besucht, berichtete, wie sie einmal meldete, dass seine Heizung ausgefallen war. Ein anderes Mal, dass er sich krank fühlte – woraufhin die Behörden vorübergehend zusätzliche Betreuung organisierten. René sagte dazu nur: „Das sind nette Leute. Wir verbringen etwas Zeit miteinander."
Es ist keine perfekte Lösung. Kritiker merken an, dass Briefträger keine Pflegekräfte sind. Eine Gewerkschaft wies darauf hin, dass viele Postboten ohnehin schon informell nach den Leuten geschaut hätten – jetzt werde einfach Geld dafür verlangt. Und natürlich können sich nicht alle den Dienst leisten. Aber es ist ein Modell, das zwei Probleme gleichzeitig angeht: eine schrumpfende Branche und eine wachsende Einsamkeit.
Bis zur nächsten Ausgabe,
Julius
Good News jeden Mittwochmorgen direkt ins Postfach? Zum Goodletter anmelden